Wenn Ausruhen keine Option ist – Teil 3

Veröffentlicht am

Neu in der Serie und Teil 1 und 2 noch nicht gelesen? Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

Als Lukas die Tür der Notschlafstelle auf der Graf-Adolf-Straße öffnet, ist es später Nachmittag. Drinnen schaut eine Frau hinter dem Empfang auf und bemerkt sofort den Gips an seinem Bein.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagt sie.
Lukas zuckt mit den Schultern.

„Ich bin Mira. Waren Sie schon einmal hier?“
Lukas schüttelt den Kopf.

„Nein.“

„Das erste Mal?“

„Ja.“

Mira nickt. „Okay. Setzen Sie sich bitte einen Moment. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

Noch bevor sie weitersprechen kann, klingelt das Telefon. Gleichzeitig tritt eine andere Person an den Empfang. Zwei ihrer Kolleginnen und Kollegen sind bereits im Gespräch mit anderen Besucherinnen und Besuchern.

Lukas schaut sich um. Drei Leute stehen in einer Schlange, zwei sitzen. Als er sich langsam mit den Krücken dorthin bewegt, bemerkt einer von ihnen sofort den Gips. Ohne zu zögern steht er auf.

„Sie sehen so aus, als müssten Sie schneller drankommen als wir. Gehen Sie ruhig vor.“

Lukas zögert.

„Sind Sie sicher?“

Der Mann nickt.

„Ja. Sie haben schließlich eine Verletzung.“

Auch die anderen stimmen zu und rücken zur Seite. Lukas bedankt sich und setzt sich.

Die nächsten Minuten beobachtet er das Kommen und Gehen. Manche fragen nach einem Schlafplatz. Andere brauchen Kleidung, etwas zu essen oder einfach jemanden zum Reden. Die Mitarbeitenden wechseln von Gespräch zu Gespräch, beantworten Fragen, telefonieren und helfen dort, wo sie gebraucht werden.

Etwa sieben Minuten später kommt Mira zurück.

„Danke fürs Warten“, sagt sie. Sie begleitet Lukas in eine ruhigere Ecke und setzt sich ihm gegenüber.

„Fangen wir ganz von vorne an. Erzählen Sie mir, was passiert ist.“


Währenddessen sitzt Dominik auf seinem Sofa. Sein Bein liegt hoch auf einem Kissen. Die Schmerzmittel aus der Apotheke stehen auf dem Couchtisch. Im Hintergrund läuft leise ein Fußballspiel. Immer wieder leuchtet sein Handy auf.

Wie geht's dir? Soll ich dir etwas aus dem Supermarkt mitbringen? Gute Besserung!

Dominik wirft einen Blick in seinen Kalender. In zwei Monaten wollte er auf einem Konzert stehen, für das er sich schon vor Monaten Tickets gekauft hat.

Stehplätze. Er fragt sich, ob sein Bein bis dahin wieder verheilt sein wird.


In der Notschlafstelle beginnt Lukas, Miras Fragen zu beantworten.

Wo haben Sie die letzten Nächte übernachtet? Wie lange sind Sie schon in Düsseldorf? Wie lange leben Sie schon auf der Straße? Wann haben Sie das letzte mal auf einer Matratze geschlafen oder die Möglichkeit gehabt zu duschen?

Während des Gesprächs erklärt Mira, welche Angebote es in der Notschlafstelle gibt. Lukas hatte einen Schlafplatz erwartet. Mehr nicht.

Stattdessen erfährt er, dass Menschen hier übernachten, duschen, Kleidung wechseln, warme Getränke bekommen und ihre Handys aufladen. Wer weitere Unterstützung braucht, findet Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern nach Lösungen suchen und den Kontakt zu weiteren Hilfsangeboten herstellen.

Für viele ist die Notschlafstelle weit mehr als nur ein Bett für die Nacht. Oft ist sie der erste Ort seit langer Zeit, an dem jemand eine einfache Frage stellt: „Was brauchen Sie?“

Lukas versucht zuzuhören, doch die Schmerzen in seinem Bein werden stärker. Er zieht die Entlassungsunterlagen aus seiner Jackentasche und legt sie auf den Tisch.

Mira wirft einen Blick darauf.

„Haben Sie bereits einen Folgetermin vereinbart oder Ihre Medikamente abgeholt?“

Lukas schüttelt den Kopf. Gemeinsam gehen sie die Unterlagen durch. Was ist dringend? Was kann warten? Welche Unterstützung wird gebraucht?

Zum ersten Mal an diesem Tag muss Lukas nicht alles allein herausfinden. Draußen fällt weiter der Regen über Düsseldorf.

Fortsetzung folgt …

Die bisherigen Teile der Geschichte:
👉 Teil 1: Wenn Ausruhen keine Option ist – Teil 1
👉 Teil 2: Wenn Ausruhen keine Option ist – Teil 2